Ich bin soloselbstständig. Meine Gründung in 2012 aus der Arbeitslosigkeit heraus. Zu Beginn des Jahres ließ ich mich damals ohne Perspektive kündigen. Warum? Weil ich keine Perspektive für mich in dem Laden sah, den ich auch in meinem Lebenslauf konsequent verschweige. Ein Zeugnis bekam ich nicht, ich forderte es nicht einmal ein. Das zweimonatige Intermezzo verletzte meine Grundwerte und verschob mein Leben. Augenhöhe? Fehlanzeige! Kompetenz bei anderen wertschätzen? Stattdessen Kontrolle und cholerische Machtdemonstration!
Dieser Cut eine Zäsur. Alles auf Null. Meine gesammelte Erfahrung nichts wert. Jedenfalls nicht meine Erfahrung als Angestellter, Nicht-Entscheider. Obwohl ich Entscheidungen als Projektleiter bestens traf und komplexe Zusammenhänge ordentlich entkomplizieren, priorisieren und effizientisieren vermochte.
Mein eigenes Business startete mit keinem einzigen Kunden, vielen Ersparnissen, mit Plan. Jedoch ohne Businessplan. Der kam erst im dritten Jahr. Als ich endlich bereit war, in andere zu investieren. Längst hatte ich mir Kundschaft aufgebaut, Netzwerke kontinuierlich besucht und aufgebaut, meine Expertise vertieft.
Ich nahm drei Beraterinnen an meine Seite: für Text und Marketing, für Büroorganisation und digitale Struktur sowie für die Geschäftszahlen, Liquiditäts- und Rentabilitätsplanung. Und das, obwohl ich das alles bereits vorher in meinem Angestelltendasein verantwortlich zeichnete.
Aber für mich? Puh.
Ich sammelte drei Jahre Erfahrungen, verpulverisierte nahezu meine eigenen Rücklagen, entwickelte eine Strategie und optimierte mein Geschäftsmodell. Der Blick von außen, der fehlte bis dato immer. Beziehungsweise ließ den gar nicht zu. Zu viel Veräppelei und hohle Versprechungen auf der anderen Seite, zu wenig Biss und Ausdauer auf meiner. Hinter die Fassade blickten nur ich und meine bessere Hälfte.
Das Business auf Messers Schneide aufgrund fehlenden Vertrauens.
Mein kumulus, so der Name meiner Unternehmung, stand auf Messers Schneide. Bauchschmerzen und Zukunftsängste an der Tagesordnung. Schön war anders, obwohl das Leben als Selbstständiger schon schön ist. Hart, aber schön.
Selbst und ständig – das passt nur bedingt. Jedenfalls halte ich das für einen vielzitierten Mythos.
Mein Geschäft hingegen, das sah ich am Abgrund. Nicht wegen fehlender Aufträge, sondern wegen fehlenden Vertrauens. Mein Zwiespalt: „Ich dachte, ich müsste alles allein wissen, entscheiden und umsetzen.“
Ich erkannte, dass Kompetenz bei anderen zu ignorieren, mein eigentliches Problem war. So traf ich eine für mich richtungsweisende Entscheidung. Lange fühlte ich sie flau im Magen, doch fehlte mir der Mut. Denn ich hatte die innere Überzeugung:
- Ich weiß selbst am besten, wie mein Geschäft läuft.
- Pingelig, detailverliebt, alles unter Kontrolle zu haben – das beschreibt mich ziemlich gut.
- Geld ausgeben versus zu investieren, das ist bloße Theorie und Blabla von anderen.
Vertrauen in meine eigenen Strukturen hatte ich; Vertrauen, dass jemand anderes einen ebensolchen tiefen Einblick in mein Geschäft und Abläufe bekommt? Das wiederum wollte ich einfach nicht.
Der erste Mitarbeiter.
Buchhaltung. Himmel, das scheußliche Ding. Monat für Monat bewies ich Disziplin, sammelte meine Quittungen, kontierte selbst, schrieb die Rechnungen. Alles mit Sinn, ohne Freude. Ich verlor mich im Mikromanagement.
Und es dauerte ewig. Es klaute mir Monat für Monat anderthalb Tage Zeit – und Energie für drei Wochen. Diese Arbeit sparte mir Geld, ich sparte Geld ein – und was ließ ich außer Acht?
Meinen kalkulatorischen Stundensatz. Kein Aprilscherz. Zum Ersten des vierten Monats stellte ich endlich jemanden ein, der für mich dem ungeliebten administrativen Zahlenkram übernahm. Fortan und seitdem übe ich zwar Disziplin, bin nach einer halben Stunde auch wirklich durch damit.
Quittungen sortieren, Rechnungseingänge automatisieren, Workflow optimieren – alles erledigt. Das kriege ich sogar im Tagesgeschäft unter. Konzentriert und frohen Mutes.
Mein Moment der Erkenntnis ein Wendepunkt. Wie ich zur Einsicht kam, dass Kompetenz bei anderen der Schlüssel ist? Der Auslöser: In meiner Reflexionsroutine entdeckte ich:
- Ich, ich, ich.
Ja. Ein natürlicher Egoismus, eine natürliche Egozentrik. Für mich war es lediglich der Fokus auf meine Selbstständigkeit. So befragte ich durch einen externen Impuls fünf mir sehr wichtige Menschen aus unterschiedlichen Kontexten, ob ich hier und da über das Ziel hinausschieße. Tadaa! Das war schmerzhaft, das tat weh.
Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Kompetenz von anderen wusste ich, vor allen Dingen jedoch für mich zu nutzen. Nie wirklich gesehen, geschweige denn gewürdigt. Mein Aha-Effekt: Die Verbindung zwischen Augenhöhe, Vertrauen und Erfolg wurde mir klar.
Die Veränderung: Kompetenz bei anderen wertschätzen, sichtbar machen.
Eine eigene E-Mail-Adresse für die Buchhaltung. Jour fixe monatlich, Revision einmal im Quartal, Ziele halbjährlich optimieren.
Mit diesen konkreten Schritten erarbeitete ich mir eine neue Souveränität.
Diese Blaupause übertrug ich auf meine Projekte. Neue Mitarbeiterinnen mussten her. Technik, Texte, Korrektorat, Lektorat, Social Media.
Durch meine Kundschaft, die in Teilen auch wie meinereiner aus der Trainings-, Beratungs- und Coaching-Branche ist, lernte ich: Führungsprinzipien. Als beste Variante identifizierte ich die Servant Leadership – die dienende Führung. So halte ich es wie das Credo vom Neuro-Linguistischen Programmieren: Nimm das Beste aus allem.
Aktives Hinhören, regelmäßige Feedback-Runden, in denen meine Teammitglieder ihre Ideen vorstellen, mein Schlüssel. Eine Echo-Kultur, die schonungslos offen für Optimierung ist. Aus der Organisationsentwicklung und meiner Ausbildung zum Qualitätsmanager weiß ich um das Prinzip vom Kontinuierlichen Verbesserungsprozess.
Jede und jeder kann etwas Eigenes besonders gut. Öffentliche Anerkennung in meinen Dankes-Posts in Social Media, die Tellerrand-Kategorie in meinem Newsletter Flugblatt sind fester Bestandteiler meiner Strategie.
Wie baue ich Machtgefälle ab? Für jedes meiner Projekte delegiere ich Verantwortung, übergebe an temporäre Teammitglieder, externe Dienstleister und vertraue. Die Fäden bleiben bei mir. Für mein Stammteam habe ich einen sogenannten Kompetenz-Tag. Jede und jeder aus dem festen Zulieferer-Team präsentiert eigene Stärken, Best Practice und Fails.
Das ist mehr als bloß ein symbolischer Akt.
Mein Ziel dahinter ist es immer, immer, immer: zu lernen, Kompetenzfelder zu erschließen, Überholtes zu den Akten zu legen. Wenn es denn nicht zu aktualisieren oder zu optimieren lohnt. Ein Beispiel:

Taucht eine Frage, ein Aspekt, ein Thema dreimal innerhalb einer gewissen Zeitspanne von alleine bei meinen Kundinnen und Kunden auf und wird an mich herangetragen, dann ist es sehr heiß. Und ich begebe mich auf die Suche nach Online-Kursen, vertiefe schnell mein Wissen und suche mir Kooperationen für mein Team.
Fazit und die Lektion: Warum das für jeden gilt…?!
Augenhöhe ist kein Luxus – sie ist überlebenswichtig. Flexibilität und der Mut, Antiquiertes auch einzumotten, darin übe ich mich stets und ständig. Nur weil etwas mal prima lief, muss das nicht dauerhaft so sein.
Online-Kurse biete ich beispielsweise nicht mehr an. Viel mehr sind es Community-Treffen mit Arbeits-Charakter, nenn‘ es ruhig begleitetes Coworking. Ich vertraue auf andere. Auch deswegen ist das mein Jahreswort für 2026 (egal, wann Du diesen Beitrag liest).
Mein Appell: Frag‘ Dich, wo Du gerade Kompetenz bei anderen ignorierst? Das könnten Kolleg:innen, Partner oder Lieferant:innen sein.
Meine Idee: Probiere diese Woche aus, eine Kompetenz bei jemandem in deinem Umfeld öffentlich zu würdigen. Spannend wird es sicherlich, wenn Du beobachtest, wie sich die Dynamik verändert. Versprochen!
Vertrauen ist und bleibt mein unerschütterliches Fundament, auch bei temporären Rückschlägen oder Ent-Täuschungen. Heute weiß ich: Mein Business rettete nicht eine neue Strategie – sondern die Entscheidung, in die Kompetenz bei anderen zu vertrauen.
Innerlich weißt Du und wissen wir „alle“: Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Augenhöhe.
Und das Beste? Du kannst genau heute damit anfangen! Ganz gleich, wann dieses HEUTE ist.
In diesem Sinne: Herzliche Grüße aus dem Bergischen Land,
Dein Christoph Ziegler
Moderation | Beratung | Coaching
(Photocredit: VadimVasenin via depositphotos)
